Osterpredigt 2020

 

 

 

 

 

 

Michaelskirche

– Kreuz & Auferstehungs –

Corona-Weg

Pfarrer Reinhard Spielvogel: Es ist schon sehr gewöhnungsbedürftig

Günter Maier: Christ ist erstanden

Liebe Mitmenschen in Unterensingen, in unserer Kirchengemeinde und darüber hinaus,

Pfarrer Reinhard Spielvogel: Wenn vieles nicht mehr geht


Egal wie lange wir noch üben müssen, auf Abstand uns nahe zu bleiben bzw. uns nahe zu kommen. Egal ob die Exponentialkurve sich schneller oder langsamer abflacht. Unsere Welt ist eine andere geworden seit „Corona“. Da ist etwas in unserer Welt geschehen. Ein winziges, selbst unter dem Mikroskop kaum erkennbares Teilchen legt die Handlungsfähigkeit der größten Wirtschaftsmächte dieser Welt lahm und schafft etwas, was eindringlichste CO² Appelle in den letzten Jahren nicht geschafft haben.
Flugzeuge bleiben auf dem Boden, Schiffe in den Häfen und milliarden Menschen zu Hause, oder zumindest in ihrer nächsten Umgebung. Viele Straßen und Innenstädte – wie ausgestorben. Gleichzeitig sind Dinge möglich, die man vorher als unmöglich erklärt hätte: politische Entscheidungen im Rekordtempo, kreativste Ideen zum digitalen miteinander Musizieren, Spielen oder einfach einander Begegnen. Neu entdeckte und alt bewährte Nachbarschaft, wenn es um Einkäufe und Besorgungen geht und nicht zuletzt, Zeit für Telefongespräche, Zeit als Eltern und Kinder und auch die Erfahrung, dass niemand sich für seine Angst schämen muss und wie gut es einem gehen kann, wenn vieles nicht mehr geht.

Das soll und darf jetzt nicht euphorisch klingen.

Pfarrer Reinhard Spielvogel: nicht euphorisch

Wir haben alle die Bilder aus China, Italien oder Spanien vor Augen, mit weit über ihre Grenzen hinaus belasteten Gesundheitssystemen, Ärzt*innen und Krankenpfleger*innen und vor allem mit Sterbenden und Toten in bisher nicht gekanntem Ausmaß. Wann diese Welle Deutschland erreicht, oder ob es gelungen ist, sie abzuschwächen, ist im Moment noch nicht absehbar. Auch die vielen wirtschaftlichen Existenzen, die durch diese Krise bedroht sind, oder schon aufgeben mussten, können niemanden gleichgültig lassen. Genauso wenig wie die häusliche Gewalt durch überforderte Mütter und Väter oder Partner*innen.

Pfarrer Reinhard Spielvogel: Mittendrin

Mitten drin in all diesen Ereignissen gedenken Christ*innen auf dieser ganzen Welt Karfreitag und Ostern. Und ich lade Sie ein, mit mir zusammen den Kreuz– und Auferstehungsweg in unserer Michaelskirche nachzuverfolgen.
Betritt man die Kirche vom Seiteneingang her, hat man es sehr schnell vor Augen: das Kruzifix an der Südseite des Kirchenraumes. Bis zur letzten großen Kirchenrenovierung 2006 stand es unmittelbar hinter dem Altar. „Am Kreuz hat Gott seine Hände ausgestreckt, um die Enden der ganzen bewohnten Welt zu umfassen“, sagte im 4. Jahrhundert Bischof Kyrill von Jerusalem.

O Haupt voll Blut und Wunden

Günter Maier: Oh Haupt voll Blut und Wunden

Pfarrer Reinhard Spielvogel: Am Kreuz hat Gott seine Hände ausgestreckt

„Am Kreuz hat Gott seine Hände ausgestreckt, um die Enden der ganzen bewohnten Welt zu umfassen“
Ist es da nicht nur folgerichtig, wenn gegenüber diesem Kruzifix auf dem Taufstein, gestaltet von der Ulmer Künstlerin Annemarie Hammer, der Vater den Sohn, der sein ganzes Erbe verprasst hat, voll Liebe in eben diese Arme schließt.
Das Kreuz, an dem der hing, der von sich gesagt hat: „wenn ihr mich seht, dann seht ihr den Vater“ (Joh.14), als Zeichen, als Signum (lat.) grenzenloser Liebe für alle die für sich viel Grund zum re-signieren sehen. Für alle die ihr Zeichen, ihren Kopf nicht (mehr) so ungebrochen selbstsicher hochhalten können oder wollen wie andere.
Ähnlich wie der römische Hauptmann und seine Leute in der Passionsgeschichte des Matthäus. Als die Erde erbebte und der Vorhang im Tempel zerriss, „erschraken sie sehr und sprachen: wahrlich dieser ist Gottes Sohn gewesen“ Mt. 27,54“.

audiotrack Du hast Erbarmen

Frank Henssler und Jürgen Schumayer: Du hast erbarmen

(Wer ist ein Gott wie du)
Albert Frey
Du hast Erbarmen und zertrittst all meine Schuld
Du hielfst mir auf in deiner Treue und Geduld
Du nimmst mir meine Last, nichts ist für dich zu schwer
Du wirfst all meine Sünde tief hinab ins Meer
Wer ist ein Gott wie du Der die Sünde verzeiht und das Unrecht vergibt (Oh)
Wer ist ein Gott wie du
Nicht für immer bleibt dein Zorn bestehn,
Denn du liebst es gnädig zu sein
Du hast Erbarmen und zertrittst all meine Schuld .
Du hielfst mir auf in deiner Treue und Geduld
Du nimmst mir meine Last, nichts ist für dich zu schwer
Du wirfst all meine Sünde tief hinab ins Meer
Wer ist ein Gott wie du
Der die Sünde verzeiht und das Unrecht vergibt…

Pfarrer Reinhard Spielvogel: Menschen gehen die Augen und das Herz aufauf

Menschen gehen die Augen und das Herz auf und sie beginnen, im Gekreuzigten den Vater und Schöpfer des Himmels und der Erde zu erkennen, den „der tröstet, wie einen eine Mutter tröstet (Jesaja 66,13)“, – trösten kann, weil Er größtes Leid selbst durchlitten, den Kelch auf sich genommen hat.
Wussten Sie, dass deshalb der Taufstein der Michaelskirche als Abendmahlskelch gestaltet ist? Der Kelch des Heils – für Dich.
Die Verbindung zwischen diesem Taufstein und der Bronzefigur mit dem Vater und dem Sohn bilden ganz bewusst – Feuerflammen der Liebe.
Der, der mit liebenden, segnenden Armen die Welt umarmt, trägt eine Krone (lat. Corona). Menschen, deren durch viel Leid- und Gewalt- und Enttäuschungserfahrungen resigniertes Herz nur noch zu Spott und Verachtung fähig war, haben sie ihm aufgedrückt – aus Dornen, die das Leid noch vergrößern sollten. Dornen, die beweisen sollten, dass alle menschliche Würde und Erhabenheit und alle positiven Werte nur lächerlich sind.

Pfarrer Reinhard Spielvogel: Er leidet mit

Er leidet selbst an der Dornen-Corona, leidet mit – und lässt zu, dass wir sie ihm immer noch und immer wieder neu aufdrücken, wenn wir diese Liebe mit Unfähigkeit und Versagen verwechseln

Frank Henssler und Jürgen Schumayer.: Wait for the Lord

 

Wait for the Lord,

Whose day is near.

Wait for the Lord:

Keep watch, take heart!


Taizé

Pfarrer Reinhard Spielvogel: Der Weg geht weter

Unser Weg in der Michaelskirche geht weiter.
Vom Kreuz zum Vater, über die Osterkerze und die Bibel auf dem Altar wieder zum Kreuz. Einem etwas anderem Kreuz.

Pfarrer Reinhard Spielvogel: Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben

„Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben“ (Joh.10,10)
Mit diesen Worten Jesu auf der Osterkerze, wird die Grundherzenshaltung des Schöpfers und Liebhabers und Königs des Lebens zusammengefasst.
Alles geschieht, damit am Ende noch mehr Leben rauskommt. Damit das Leben zu dem wird, wozu es gedacht ist – mehr als existieren, mehr als reibungslos funktionieren, mehr als alles erleben und mitnehmen was man erleben und mitnehmen kann, mehr als aus allem rausholen, was rauszuholen ist. Aus Angst irgendetwas zu verpassen oder zu verlieren.
Der Vater fragt nicht nach der Produktivität seines Sohnes oder nach seinem eigenen wirtschaftlichen Verlust, nicht danach, was es ihm bringt. – Das ist mein Sohn, mein geliebtes Kind. – Das allein ist ihm wichtig.

Pfarrer Reinhard Spielvogel: Wertigkeiten

Wertigkeiten auf dem Prüfstand – könnte das eine der wesentlichsten Folgen von Corona sein?
Um das wertvollste das sie hatten zu schützen, hüllte das Volk Israel schon zur Zeit des Alten Testaments seine Torarollen mit dem Wort Gottes in einen Mantel ein. Juden tun das bis heute. Interessanterweise ziert eine Krone den oberen Teil dieser Rollen. Was damals wie heute ein Bekenntnis zu Gott als König über alle Welt war – bekommt das durch die „Corona-Krise“ heute nicht noch mal eine viel tiefere Bedeutung?

Über diesen König stimmt der Psalm 103 in einen Jubel ein.

Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit, der deinen Mund fröhlich macht.

Frank Henssler und Jürgen Schumayer: So gross ist der Herr


So groß ist der Herr
Feiert Jesus!
Ein König voller Pracht,
Voll Weisheit und voll Macht.
Die Schöpfung betet an, die Schöpfung betet an.
Er kleidet sich in Licht. Das Dunkel hält ihn nicht
Und flieht, sobald er spricht, und flieht, sobald er spricht.
So groß ist der Herr, sing mit mir.
So groß ist der Herr. Ihn preisen wir.
So groß, so groß ist der Herr.

Von Anbeginn der Zeit bis in die Ewigkeit  
Bleibt er derselbe Gott, bleibt er derselbe Gott.
Als Vater, Sohn und Geist, den alle Schöpfung preist,
Als Löwe und als Lamm,…
So groß ist der Herr, sing mit mir.
So groß ist der Herr.
Ihn preisen wir.

Pfarrer Reinhard Spielvogel: Osterjubel

Dieser Osterjubel war auch dem Kirchengemeinderat ein zentrales Anliegen, als es 2006 um die Neugestaltung des Innenraums und des Altars der Michaelskirche ging. Nie stand zur Diskussion, das Kruzifix zu entfernen. Doch bestimmend sollte jetzt das leere Grab und das leere Auferstehungskreuz sein, mit freiem Blick zwischen Chor- und Kirchenraum. In einem künstlerischen Prozess mit dem Glaskünstler Fritz Mühlenbeck kam es schließlich zu der Lösung eines Glaskreuzes, das den (Grab)stein durchbricht

Pfarrer Reinhard Spielvogel: Das letzte Wort hat das Leben

Das letzte Wort hat das Leben. Diese Zusage steht seit dem ersten Ostern über der ganzen Schöpfung. Egal wie sich „Corona“ weiter einwickelt. So lade ich Sie ein mit einzustimmen in diese Osterzuversicht.

Mit Strophen eines neueren Osterlieds
            von Hans Jürgen Netz und Christoph Lehmann

Durch das Dunkel hindurch, scheint der Himmel hell
Durch das Dunkel hindurch dringt ein neues Wort
Das Wort wird uns zur Zuversicht,
steht auf, steht auf steht auf!

                
Von ganzem Herzen wünsche ich Ihnen und uns allen
solche frohe, frohmachende Ostern
        Ihr Pfarrer Reinhard Spielvogel
 

Vielen herzlichen Dank allen, die in dieser besonderen Zeit mit sehr vielen kreativen Ideen dazu beigetragen haben, dass die frohe Botschaft von Karfreitag und Ostern trotz ausfallender Gottesdienste spürbar, hörbar und erlebbar werden konnte und kann.
Stellvertretend für alle:

  • für die Instrumentalstücke dieses Corona-weges, Frank Henssler, Günter Maier und Jürgen Schumayer.
  • für die graphische Mitgestaltung, Susanne Sonneck
  • für die Gestaltung unserer Homepage, Gerhard Höss
  • für die tägliche Verteilung der „Himmelsanker“ in den Schaukästen, unseren beiden Mesnerinnen Angelika Keller und Barbara Nicolai.
  • den Konfis, dem KGR und allen anderen Austrägern des Osterflyers 
  • Susanne Jasch und Katrin Melchinger für die wöchentliche Neugestaltung des Ostergartens in der Kirche.
  • Birgit Dettinger und Susanne Friz für die Idee und Durchführung der Mutmach-leinen.
  • Den Bläsern des Posaunenchors für ihr Kurrendeblasen im Ort.
  • allen Helfern des Bürgernetzwerks und allen guten Nachbarn