Marion Küstenmacher

Mystiker sind Tiefseetaucher des Bewusstseins
Die Evangelische Kirchengemeinde Unterensingen hatte die evangelische Theologin und Autorin Marion Küstenmacher zu Gast
„Sehen lernen wie die Mystikerinnen und Mystiker und einen inneren Weg zu Gott finden.“ Unter dieser Überschrift lud die Evangelische Kirchengemeinde Unterensingen im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe „Theologie-Philosophie-Psychologie“ kürzlich ins UDEON ein. Referentin war Marion Küstenmacher, evangelische Theologin, Germanistin und eine der wichtigsten spirituellen Autorinnen der Gegenwart.
„Vom Wachsein bis zum Tiefschlaf erleben wir alle verschieden tiefe Bewusstseinszustände“, machte Küstenmacher eingangs ihres Vortrags deutlich. Die verschiedensten Bewusstseinszustände ließen sich dabei hirnbiologischer durch unterschiedlichste Gehirnwellen markieren. Während z.B. „Alpha-Wellen“ das Wachbewusstsein charakterisierten, würden die niedrigfrequenten Delta-Wellen den un-bewussten Bereich unseres Bewusstseins kennzeichnen, den traumlosen Tiefschlaf. Die Bewusstseins-zustände oder Versenkungsgrade seien fließend, vorübergehend und beeinflussbar. „Eigentlich“, machte Küstenmacher deutlich, „sind wir alle im ‚Mystikfeld‘, nur wissen wir es nicht.“  
Was nun konkret unter Mystik zu verstehen sei erklärte Küstenmacher so: „Es ist die Fähigkeit des Menschen, Tiefenbewusstseinszustände, ohne Hilfe von Drogen, auf rein geistigem Wege zu errei-chen. MystikerInnen seien quasi „Tiefseetaucher des Bewusstseins“ und zeigten den inneren Weg zu Gott. Dieser Weg stünde allen Menschen offen, machte Küstenmacher klar.
Um sich auf die verschiedenen Bewusstseinszustände in Inneren auszurichten bedient sich Küstenma-cher der Mystik Meister Eckharts (1260 –1328), einem der bedeutendsten Mystiker des europäischen Abendlands. Demnach, so Küstenmacher, könnten die unterschiedlichen Bewusstseinszustände als ein „mystischer Bild-ungs-Prozess“, als „Bildung des inneren Menschen“ verstanden werden. Diese wür-de, erklärte Küstenmacher, fünf Bewusstseinszustände umfassen. Im ersten Bewusstseinszustand, dem „Wachbewusstsein“, würde es um das sich „Ein-bilden“, um das Aktivieren aller fünf Sinne und dem Wahrnehmen, was jetzt sei, gehen. Dabei ginge es auch darum, zu lernen, wieder zu staunen und Eins-zuwerden mit der sichtbaren Natur. Der zweite Bewusstseinszustands, dem „Aus-bilden“, sei im Sinne des Heiligen Augustinus durch das „Schweigen von außen nach innen“ gekennzeichnet. Hier gelte es, (Traum-)Bilder frei aus der Seele aufsteigen zu lassen und diese nicht zu ignorieren. Dort würde die Seele sprechen, während wir wach seien, so die Theologin Küstenmacher. Es gehe aber auch um den Weg der inneren Reinigung, der „Schattenarbeit“, um so, wie es Teresa von Avila formulierte, „den Spiegel der Seele zu putzen.“
Während dann der dritte Bewusstseinszustand durch das sich „Ent-bilden“ geprägt sei und es darum gehe, sich von allen Gottesbildern zu befreien, umfasse die vierte Bewusstseinsebene, so Küstenma-cher, die Dimension der „Eben-bildlich-keit“ mit Gott und - um in den Worten des französischen Mys-tikers Henri le Saux zu sprechen - die „Welt zu sehen, wie Gott sie sieht.“ Im fünften und letzten Be-wusstseinszustand, dem sich „Über-bilden“ gelte es sich (wieder) zur Welt hinzuwenden und Gott zu erkennen durch uns. Denn, so resümierte Küstenmacher am Schluss ihres Vortrags nochmals den Mystiker Meister Eckhart, „Der nächste Mensch ist immer der wichtigste.“
Text & Bild: Frank Henssler, 24.2.2018