Ein Leben im Schatten der Mauer

Die Palästinenserin Faten Mukarker berichtete aus dem Alltag in einem besetzten Land

Es war ein bewegender Abend der Begegnung, zu dem die Evangelische Kirchengemeinde Unterensingen kürzlich eingeladen hatte. Faten Mukarker, eine palästinensische Christin, berichtete von einem bedrücken-den Alltag unter israelischer Besatzung. Doch sie brachte, passend zum Advent, eine Friedensbotschaft aus ihrer Heimat, aus Bethlehem: da man dort nur Krieg, zeitweise Abwesenheit von Krieg und Unruhe kenne, sei die große Sehnsucht der Menschen auf Frieden und ein Leben in Sicherheit gerichtet.

Faten Mukarker mit einem Bild des „Sterns von Bethlehem” aus der Geburtskirche

Ihre Anreise war schon beschwerlich: der 80 km lange Weg nach Amman ist eine Tagesreise; als Palästinen-serin hat sie einige Checkpoints der israelischen Armee zu bewältigen, die oft demütigende Behandlung und langes Warten bedeuten – dort, wo sie lebt, „zählen Menschenleben nichts“. Von Amman dann ist es wenige Flugstunden bis Frankfurt – und sie ist in Deutschland, „in einem Land, in dem auch für mich Menschen-rechte gelten, wo sogar Tiere Rechte haben“. 

Faten Mukarker ist in Bethlehem geboren, aber bei Bonn aufgewachsen und zur Schule gegangen. Sie weiß, dass Sprache ein Schlüssel zur Verständigung ist, und die deutsche Sprache ist ihr und ihren Kindern wohl vertraut. Als in Deutschland des Mauerfalls gedacht wurde, haben sie in der Merkel-Rede vergeblich darauf gewartet, dass nach den Ukrainern und Syrern, derer sie mitfühlend gedachte, auch Palästina erwähnt würde – doch dort seien die von Israel errichteten Mauern offenbar so hoch, dass das Schicksal der dahinter Weggesperrten in den Schatten der Weltöffentlichkeit gerate.

Dem Vergessen begegnet sie mit einer Sprache, die von christlichem Geist geprägt ist, ihr Erzählen ist sehr lebendig und voller Beziehungen. So berichtet sie, dass eines Tages auf ihrem Grundstück israelische Bautrupps und Soldaten damit begannen, generationenalte Olivenbäume zu beseitigen, um eine Mauer zu errichten. Olivenbäume sind die Existenzgrundlage der meisten Palästinenser, und nach ihrer Pflanzung vergehen Jahrzehnte, bis sie tragen. Mitten durch den Garten wurde eine dieser monströsen Mauern errichtet, die das Palästinensergebiet nicht nur umgibt, sondern auch wuchernd durchzieht. Das abgetrennte Teil des Grundstücks gehört jetzt Israel.

Dass Land willkürlich enteignet und zur jüdischen Siedlung wird, ist inzwischen traurige Normalität. Dazu kommt, dass den Palästinensern auch buchstäblich das Wasser abgegraben wird: die Siedlungen, die sich ins Westjordanland hineinfressen, verfügen sogar über Swimmingpools; palästinensische Häuser haben Wasser-tanks auf dem Dach, die von Israel sehr unzuverlässig bedient werden. Die Genehmigung, tiefe Brunnen zu bohren, um an Wasser zu kommen, ist von Israel nicht zu bekommen. Auch Baugenehmigungen sind fast unmöglich zu erhalten, und Israel nimmt sich immer wieder das Recht heraus, selbst nach vielen Jahren will-kürlich palästinensische Häuser zu zerstören, für die es keine Genehmigung gab.

Doch bei aller Rechtlosigkeit, Demütigung und Untergrabung der Bemühungen um Verständigung bleibt sie bei ihrer Hoffnung auf Frieden. Im Laufe ihrer langjährigen Vortragstätigkeit hat sich das Thema „Warten auf den Frieden“ so verfestigt, dass aus den konkreten Jahresangaben „seit Jahrzehnten“ wurde. Schon zweimal war die Lösung fast greifbar, Arafat, Rabin und Clinton hatten das Ziel schon vor Augen, dann wur-de 1995 Yitzak Rabin während einer Friedensdemonstration von einem israelischen Nationalisten ermordet, und Ariel Sharons Provokation auf dem Tempelberg 2000 war schließlich Auslöser für die „zweite Intifada“. Der letzte Versuch durch Amerikas Außenminister Kerry in diesem Jahr sei an Netanjahus Bestehen auf der Siedlungspolitik gescheitert, und es brauchte nur einen Auslöser für den Krieg, um dann den Gaza-Streifen ins Mittelalter zurückzubomben.

Ihre Hoffnung speist sich auch aus ihren verlässlichen Freundschaften mit Juden, deren Lebens- und Lei-densgeschichte sie gut kennt. Zwar sind die Kontakte seit einiger Zeit sehr erschwert, weil Juden „aus Si-cherheitsgründen“ Autonomiegebiete nicht mehr betreten und Palästinenser nicht nach Israel dürfen. Doch es gibt auf beiden Seiten Mitstreiter für einen Frieden, sie weiß von israelischen Beobachterinnen, die die De-mütigungen an Checkpoints beobachten und berichten, von mutigen Kriegsdienstverweigerern, die mit ihrer Verweigerung schwerste Konsequenzen auf sich nehmen, und von Soldaten, die nach Beendigung ihrer Dienstzeit das Schweigen über Willkür und Vergehen der Armee brechen.

Auch ihre Zuhörer ermutigt sie, auf die Politiker einzuwirken, immer wieder sich für einen künftigen Frieden einzusetzen. Ganz greifbar in der Fabel, die sie zu Anfang vortrug: eine Taube zählt die Schneeflocken, de-ren Gewicht „nicht mehr als nichts“ ist, und 3741952 waren schon auf den Zweig gefallen, als eine weitere fiel, auch sie „nicht mehr als nichts“, und der Zweig brach ab. So auch ihre Hoffnung, dass die Summe der vielen Stimmen, die ihr Gewicht für unbedeutend halten, schließlich den unseligen Zweig von Hass, Gewalt und Krieg brechen werden. Das könnte dann bedeuten, dass im Nahen Osten für alle das 21. Jahrhundert ankomme, dass das rückständige und hasserfüllte Pochen auf die von verschiedenen Seiten behaupteten „hei-ligen Ansprüche“ abgelöst würde und einem gegenseitigen Respekt, Menschenrechten für alle, gerechter Teilhabe am Land und seinen Gaben und schließlich dem ersehnten Frieden Platz machen könnte.

Bericht von Herbert Schölch-Heimgärtner

erschienen auch in der Nürtinger Zeitung am Freitag, 19. Dezember 2014