dietrich bonhoeffer 1906 - 1945

Dies sind die letzen von Dietrich Bonhoeffer überlieferten Worte, bevor er am 9. April 1945 in Flossenbürg erhängt wurde.

Selig sind die Friedfertigen

Wenn um uns herum Streit und Tod ihre wilde Herrschaft üben, dann sind wir aufgerufen, nicht nur durch Worte und Gedanken, sondern auch durch die Tat Gottes Liebe und Gottes Frieden zu bezeugen. Lest Jakobus 4, 1 ff! Täglich wollen wir uns fragen, wo wir durch die Tat Zeugnis geben können für das Reich, in dem die Liebe und der Friede herrscht.

Nur aus dem Frieden zwischen zweien und dreien kann der große Friede einmal erwachsen, auf den wir hoffen.

Lasst uns allem Hass, Misstrauen, Neid, Unfrieden, wo wir nur können, ein Ende machen. „Selig sind die Friedfertigen, denn sie sollen Gottes Kinder heißen“.

Predigt im Dialog

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Von guten Mächten wunderbar geborgen

Von seiner unfassbaren Glaubenskraft erzählt auch sein bekanntester Text, den man so oft schon gesungen hat, dass man ihn kaum zu erwähnen wagt. Das ist das Gebet "Von guten Mächten", das seit der Vertonung durch den Liedermacher Siegfried Fietz 1970 ungeheure Popularität erlangte. Mit Sätzen, die ungeheuerlich sind - wie diesem: "Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag." Dietrich Bonhoeffer hat diese so gelassenen Worte in seiner Zelle Ende '44 im Berliner Gestapokeller geschrieben. Sie gehören zu seinem Vermächtnis: Keine heroische Tat wird darin besungen, sondern die Haltung einer bewussten Nachfolge Christi.

Gerichtet hatte Bonhoeffer die Verse an seine Braut, an Maria von Wedemeyer. Ihren Leseeindruck können wir noch heute teilen: "Deine Worte sind wie eine offene Hand, die ich anfassen und an der ich mich festhalten kann."

Von guten Mächten

Von guten Mächten treu und still umgeben, 
Behütet und getröstet wunderbar, 
So will ich diese Tage mit euch leben 
Und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das alte unsre Herzen quälen, 
Noch drückt uns böser Tage schwere Last. 
Ach, Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen 
Das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern 
Des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, 
So nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern 
Aus deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken 
An dieser Welt und ihrer Sonne Glanz, 
Dann wolln wir des Vergangenen gedenken 
Und dann gehört dir unser Leben ganz.

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen, 
Die du in unsre Dunkelheit gebracht.
Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen. 
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, 
So lass uns hören jenen vollen Klang 
Der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, 
All deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen, 
Erwarten wir getrost, was kommen mag. 
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen 
Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

WER BIN ICH?

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich trete aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

Dieses Gedicht schrieb Dietrich Bonhoeffer im Militärgefängnis Berlin-Tegel und legte es einem Brief an seinen Freund Eberhard Bethge am 8. Juli 1944 bei. Es ist abgedruckt in Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft.