Plädoyer für ein mystisch-ökumenisches Christentum

Die Evangelische Kirchengemeinde Unterensingen hatte den katholischer Theologen, Autor und spiritueller Begleiter Pierre Stutz zu Gast


„Geborgen und frei – Mystik als Lebensstil“, lautete der Titel des Vortragsabends, zu der die Evangelische Kirchengemeinde Unterensingen im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe „Theolo-gie-Philosophie-Psychologie“ ins UDEON vor kurzem einlud. Der Theologe Pierre Stutz, einer der bekanntesten spirituellen Lehrer und Autoren unserer Zeit, sprach dort über eine engagierte, lebendige und freie Spiritualität.

„Die längste Reise, ist die Reise nach innen.“ Mit diesem Zitat des ehemaligen zweiten UN-Generalsekretärs Dag Hammarskjöld eröffnete Stutz seinen leidenschaftlich gehaltenen Vortrag. 

Es brauche diesen Gang nach innen, um sich für eine Welt einzusetzen, die anders werden könne, betonte Stutz. Der Schweizer Stutz weiß von was er spricht. Durch einen Burnout völlig aus der Bahn geworfen und in einer großen Lebenskrise steckend, sei er (erst) mit 38 Jahren, zur Mystik gekommen. Zwei Jahre habe er gebraucht, um seinen Zugang zur inneren Mitte zu finden, zu den Quellen, die aus Sicht von Stutz zutiefst „ökumenisch“ seien. 

Stutz ermutigte die Zuhörer zu einem gesunden Lebens- und Arbeitsrhythmus zu finden und dabei der eigenen Intuition zu folgen. „Wir brauchen engagierte Frauen und Männer, die sich nicht leben lassen und einen festen Stand im Leben haben“, erklärte Stutz. Er sprach sich dafür aus, die Lebensweisheiten mystischer Frauen und Männer als spirituelle Quellen zu entdecken und für die „schwierige Lebensaufgabe, uns selbst zu werden“, zu nutzen. „Denn, ‚kann es etwas Schlimmeres geben, als sich im eigenen Haus nicht mehr zurecht zu finden? ‘“, zitierte Stutz in diesem Zusammenhang eine der großen Mystikerinnen Teresa von Avila. „Wir kommen nicht umhin“, machte Pierre Stutz deutlich, „in die eigenen Kammern zu gehen und dabei „zu Grunde“ zu gehen, in einer lebensbejahenden Form.“ 

Was Mystik im Kern eigentlich meint, beschrieb Stutz folgendermaßen: „Die Augen zu schließen und nach innen zu schauen, um klarer zu sehen, in einer engagierte Gelassenheit.“ „Ein mystischer Mensch“, ergänzte Stutz, „ist ein Mensch, der wahrnimmt, was jetzt, im Moment ist.“ Unsere wahre Heimat, sei der jetzige Augenblick. Dabei brauche es die Einheit von Leib, Seele und Geist. „Denn wir können nicht nur alleine im Kopf alle Probleme lösen“, so Stutz.

Dabei machte Stutz deutlich, dass Mystik auch völlig falsch verstanden und missbraucht werden könne wenn diese absolut gesetzt oder als „Kuschelmystik“ fungieren würde. Und es gab und gibt auch eine braune Mystik. Mystik meine, in Geborgenheit und Freiheit sich inspirieren zu lassen, sich in dieser Welt für die Welt zu engagieren und zu vertrauen, dass dafür in der Tiefe eine große Segens- und Kraftquelle sei.

Dafür bräuchte es, neben dem Humor, als „lachender Segen Gottes“, die „List des Heiligen Geistes“ und die gegenseitige Unterstützung. „Die Zukunft des Christentums“, so resümierte Stutz am Ende seines Vortrags mit den Worten des deutschen Theologen Karl Rahner, „wird mystisch sein oder nicht mehr sein.“

Text: Frank Henssler
Bilder: Gerhard Höss