Die Frage nach Gott ist privatisiert

Die Evangelische Kirchengemeinde Unterensingen hatte den ehemaligen Beauftragten der Evangelischen Landeskirche für Weltanschauungsfragen, Hansjörg Hemminger, zu Gast

„Lebe deinen Traum?“, lautete das Motto des Vortragsabends, zu der die Evangelische Kirchengemeinde Unterensingen im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe „Theologie-Philosophie-Psychologie“ in das Evangelische Gemeindehaus einlud. Hansjörg Hem-minger, ehemaliger Beauftragter für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Lan-deskirche in Württemberg, sprach dort über die Linien, die vom heutigen boomenden religiösen Individualismus zur Reformation zurückführen.

Die Reformation in Deutschland, so der promovierte Biologe Hemminger, habe in „zwei Schüben die Tür für den religiösen Individualismus weit aufgemacht. Die erste Phase sei durch die Trennung von Religion und politischer Existenz geprägt gewesen. Das „Bürger-recht“, welches vorher an die Religionszugehörigkeit gekoppelt war, wurde jetzt unabhängig von irgendeiner Konfession zuerkannt. Ebenso ermöglichte die neue Freiheit, ohne Vermitt-lung von Kirche und Klerus einen eigenen, persönlichen Zugang zu Gott haben zu dürfen, eine neue religiöse Unabhängigkeit. Die Gründung protestantischer Freikirchen sei die Folge gewesen, machte Hemminger deutlich. Die zweite Phase sei durch den Bedeutungsverlust der Kirchen gekennzeichnet, der unter anderem mit der zunehmenden Übernahme sozialer Auf-gaben durch den religionsneutralen oder atheistischen Staat einherging. Nach dem 2. Welt-krieg schritt die „Entkirchlichung“ nicht zuletzt durch eine hochindividualisierte Lebens- und Freizeitgestaltung immer weiter fort, so dass der Anteil der Katholiken und Protestanten, der in den 50iger Jahren noch über 90% betrug, heute nur noch bei rund 55% liegt.
In Folge der fortschreitenden Säkularisierung und Entkirchlichung in der späten Moderne habe sich sowohl innerhalb als auch außerhalb der Kirchen, so Hemminger, eine Gleichgül-tigkeit bzw. Indifferenz in religiösen und weltanschaulichen Fragen entwickelt. Auch eine oft uninformierte pauschale Kirchen- und Christentum-Kritik sowie eine fragwürdig einseitige Erinnerungskultur im Blick auf Ereignisse der Kirchengeschichte.
Mittlerweile herrsche der „Homo religiosus“ vor. Die Menschen würden fragen: „Wozu ist Religion gut, wie dient sie, was bringt sie mir?“ „Die Frage nach Gott ist vollständig privati-siert“, erklärte Hemminger.
Dabei sei der Protestantismus durchaus anschlussfähig an die Modernität, von der Arbeits-ethik bis zur Erlebnisorientierung. Dies sei einerseits Stärke und anderseits Schwäche zugleich. So würden persönlicher Glaube und die Kirche als Institution häufig ein Spannungs-feld darstellen. Die Zusage Gottes gelte aber nicht einem individualisierten Glauben, konsta-tierte Hemminger. Glaube brauche Gemeinschaft und eine Vielfalt der Liebe, zumindest je-doch der Toleranz die im Miteinander eingeübt werde.
„Evangelisch heißt“, so resümierte Hansjörg Hemminger am Ende seines Vortrags, „bauen auf das, was Gott getan hat und tut, im eigenen Leben, in der eigenen Kirche und Gemeinde und überall in der Christenheit. Denn die Botschaft vom nahen, liebenden, suchenden und rettenden Gott ist zeitlos und trifft auf den Durst nach Leben, der zum Menschen gehört.“
Frank Henssler