Dr. Schlensog, Generalsekretär der Stiftung Weltethos

Vortragsveranstaltung

„Was wir brauchen, ist ein respektvolles miteinander Reden!“

„Deutschland im Kampf der Kulturen?“, so lautete der Titel deszweiten Vor-tragsabends, zu der die Evangelische Kirchengemeinde Unterensingen im Rahmen ihrer neuen Veranstaltungsreihe „Theologie-Philosophie-Psychologie“kürzlich einlud.Dr. Stephan Schlensog, Religionswissenschaftler und Generalsekretär der Tübinger Stiftung Weltethos, referierte zur Frage, wie ein friedliches Zusammenleben durch ein gemeinsames „Weltethos“ gelingen kann.

Gleich zu Anfang seines engagierten Vortrags im Evangelischen Gemeindehaus Un-terensingen, stellte Schlensog klar, dass „Weltethos“ nicht bedeute, die Religionen zu verwässern oder gleichzumachen. Ziel des von dem Tübinger Theologen Hans Küng Anfang der 90iger Jahren initiierten Projekts „Weltethos“ sei vielmehr, denDialog zwi-schen den großen Kulturen und Weltreligionen auf der Grundlage gemeinsamer Wert- und Moralvorstellungen zu fördern.Weltethos würde danach fragen, was die großen Kulturen der Welt verbindet. Als Beispiel nannte Schlensog die als Sprichwort bekannte Goldene Regel: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg’ auch keinem andern zu.“ Diese komme in allen Kulturen vor. 

Dass ein gemeinsames Weltethos dringlicher denn je ist wurde allen Zuhörern klar, als Schlensog nochmals die aktuelle Lage in der Welt skizzierte:

Krieg, Terror, religiöser Fundamentalismus und anhaltenden Flüchtlingsströme seien Folgen politisch ungelöster Probleme. Die Schaffung des Weltfrieden durch die Ver-einten Nationen hätte nicht funktioniert. Viele Menschen seien verunsichert, fürchte-ten eine schleichende Islamisierung oder gar einen „Kampf der Kulturen“, dem nur durch Abschottung zu begegnen sei.Die internationale Staatengemeinschaft, so Schlensog, habeim Umgang mit der Flüchtlingsthematik bislang keine Lösung.Der Ausspruch von Kanzlerin Merkel „Wir schaffen das!“sei jedoch allemal besser gewe-sen als die Haltungzu haben „Wir machen die Türen zu!“

Seit dem zweiten Weltkrieg hätte Deutschland eine „unglaubliche Integrationsleis-tung“ vollbracht. „Knackpunkt“ seien dann aber die Türken gewesen, deren Religion den Deutschen völlig fremd gebliebensei. Als weitere gesellschaftliche Problemfelder in Deutschland benannte Schlensog die wachsende Kluft zwischen arm und reich, die zunehmende Säkularisierung und den religiösen Fundamentalismus.Hier von ei-nem “Kampf der Kulturen“, einen Begriff den der amerikanische Politikwissenschaft-ler Samuel Huntington prägte, zu sprechen sei aber nicht zutreffend und auch ge-fährlich. Huntington hätte dadurch die Außenpolitik der USA im Nahe Osten stark beeinflusst mit all ihren negativen Folgen.

Ziel müsse sein, Misstrauen abzubauen und Begegnungen auf Augenhöhe zwischen Christen und Muslime zu schaffen. Christen hätten, so Schlensog, Zeugnis ihres Glaubens abzulegen. Aber das könne und müsse zusammen gehen mit gegenseiti-gem Respekt.Es dürfe keine „Zwangsmission“ von Nicht-Christen geben. „Sie kön-nen mit Muslimen reden, aber sie nicht bekehren“, so Schlensog.

Deutschland sei ein religionsfreundliches Land und Religionsfreiheit sei ein wichtiger Wert der nicht aufs Spiel gesetzt werden dürfe. „Was wir brauchen ist ein respektvol-les miteinanderReden“, betonte Schlensog.Natürlich müssten auch Grenzen gesetzt werden. Die gesetzlichen Voraussetzungen seien in Deutschland dafür auch ausrei-chend vorhanden. Wichtig sei, voneinander zu lernenund zu erfahren, dass Juden, Christen und Muslime eine ganz andere Vorstellung von Gott hätten als Hindus und Buddhisten.Die christlichen Gemeinden seien hierfür „ideale Plattformen“ für einen interreligiösen Dialog. Es müssten Räume geschaffen werden, wo Ängste abgebaut würden und ein fairer und sachlicher Austausch möglich sei.

Die Stiftung Weltethos veranstalte z.B. regelmäßig „interreligiöse Abende“.Darüber hinaus sei sie mit Projekten zur Werterziehung und Extremismus-Prävention in Kin-dergärten und Schulen aktiv. Auch in Moscheen, die viel Zulauf hätten, würde gear-beitet. Über das Tübinger Institut Weltethos würde ferner Weltethos mit dem Fokus auf Wirtschaft gefördert.

„Wir kriegen nur die Welt hin, die wir selbst leben“, resümierte Schlensog am Ende der Veranstaltung. Im Umgang mit Problemen müsse es immer eine Hoffnungsper-spektive geben. Religionen seien dabei schon immer „Humanisierungsagenturen“ gewesen.

Frank Henssler